Fallstudie
Lagertausch am Weyermannshausviadukt
Tragwerksnachweis eines vorgespannten Betonquerträgers im Bauzustand
Im Raum Bern wird das Quartier Ausserholligen im Rahmen von zwei Grossprojekten aufgewertet:
Leistungssteigerung Bern West von der SBB und Entwicklungsschwerpunkt Ausserholligen von der Stadt Bern.
Teil von diesem städtischen Projekt ist der Bahnhof Europaplatz Nord mit einer neuen Personenunterführung
sowie die Aufwertung des Freiraums unter dem Viadukt. Unter dem Autobahnviadukt entsteht ein öffentlicher
Freiraum mit Fuss- und Veloverbindung sowie Raum für Freizeit, Sport, Kultur und Quartiernutzungen.
Dafür wird das Terrain im Bereich des Viadukts um ca. 2 bis 4 m abgesenkt.
Das Viadukt (Baujahr 1974–1977) besteht aus vorgespannten Kastenträgern (Spannweiten von 26.5 bis 38 Metern)
mit massiven vorgespannten Querträgern über den Stützen. Diese Stützen werden in der Bauphase abschnittsweise
ersetzt. Das Viadukt wird dazu mit einer provisorischen Unterfangung (massive geschweisste Blechträger auf
Gerüsttürme) und hydraulischen Pressen angehoben. Die bestehenden Stützen werden entlastet und rückgebaut,
anschliessend werden neue, längere Stützen erstellt, damit das Terrain abgesenkt werden kann.
Kritisch ist dabei ein temporärer Bauzustand: Das Punktlager (Stütze) entfällt, der Querträger „hängt“ nur
noch an den Stegen des Kastenträgers, die als Linienlager fungieren. Gleichzeitig wirkt weiterhin die massive
Vorspannkraft im Querträger. Dieser Zustand musste lokal nachgewiesen werden.
Ungewöhnlicher Bauzustand mit umgekehrtem Kraftfluss
Im Bestand werden Linienlasten seitlich über den Querträger in die Stütze eingeleitet. In der Bauphase fällt
die Stütze weg – es bleibt im Wesentlichen die Vorspannkraft (6 Kabel, insgesamt rund 13’000 kN) und eine
geänderte Lagerung. Dadurch kehrt sich der Kraftfluss um (Druck-/Zugzonen wechseln), was insbesondere Schub
und Biegung beeinflusst.
Detaillierte Bestandsinformationen – aber aufwendig auszuwerten
Die Bewehrungs- und Vorspannungspläne lagen vor, jedoch als grosse, eingescannte Bestandsunterlagen. Für einen
Nachweis mussten Öffnungen, Bewehrungsführung und Vorspannung realitätsnah abgebildet werden. Somit wurde der
Bestand und Bauzustand in IDEA StatiCa modelliert.
Detailliertes 2D-Modell des Querträgers
Die Geometrie des Bauteils wurde vollständig erfasst, inklusive der vorhandenen Öffnungen, die den Kraftfluss
lokal beeinflussen. Auf Basis der Bestandspläne konnte die vorhandene Bewehrung explizit modelliert werden,
wobei horizontale und vertikale Bewehrung sowie die Bügelbewehrung einzeln abgebildet und ausgewertet wurden.
Zusätzlich wurde die Quervorspannung im Modell berücksichtigt. Die Krafteinleitung der Vorspannung erfolgt
dabei über eine vereinfachte Modellierung der Lastausbreitung mittels Konus, ergänzt durch die lokale
Bewehrung im Ankerbereich, insbesondere die vorhandene Spiralbewehrung.
Qualitativer & quantitativer Vergleich: Bestand vs. Bauzustand
Mithilfe des Kräfteflusses konnte der grundlegende Systemwechsel im Bauzustand anschaulich nachvollzogen
werden, insbesondere die Ausbildung eines Druckbogens im oberen Bereich des Querträgers und eines Zugbandes in
der unteren Zone infolge des Wegfalls des Punktlagers. Ergänzend dazu wurden die Spannungen im Beton sowie in
der Bewehrung ausgewertet, um lokale Druckspitzen und erhöhte Zugbeanspruchungen zu identifizieren und zu
bewerten. Darauf aufbauend wurde der Tragfähigkeitsnachweis für den Bauzustand geführt. Massgebend waren
insbesondere die Beanspruchungszunahmen in einzelnen Bügeln in den Bereichen von Umlenkkräften und Öffnungen,
die anhand des Programms detailliert untersucht und als lokale Spannungserhöhungen belegt wurden. Gerade die
lokalen Effekte um die Öffnungen oder an den Bügeln sind analytisch und mit einfacheren Methoden schwer
abzubilden.